Hartmut Gottlebe aus Kassel hat ein Problem: Denn eigentlich gibt es ihn gar nicht. Zumindest nicht offiziell: Denn der 68 Jahre alte ehemalige Obdachlose hat keinen Personalausweis. Der wurde ihm vor mehr als 20 Jahren gestohlen. Weil er auch keine anderen Dokumente vorlegen kann, die seine Identität zweifelsfrei bestätigen, weigert sich die Stadt Kassel beharrlich, ihm einen neuen Ausweis auszustellen – für die Behörden gilt er damit faktisch als „nicht existent“.
Hartmut Gottlebe hat ein bewegtes Leben hinter sich. Geboren in der DDR, hat der heute 68jährige kurz vor der Wende mit seiner Frau und den beiden Kindern in den Westen rübergemacht. Ab dann ging es bergab: Er wurde arbeitslos, die Familie kehrte ihm den Rücken – bis er schließlich vor über 20 Jahren auf der Straße landete. Dort wird ihm zu allem Überfluss auch noch das Portemonnaie mit sämtlichen Ausweisdokumenten gestohlen.
Hartmut Gottlebe, ehemaliger Obdachloser: „Gut, ich hätte vielleicht gleich zur Polizei gehen sollen. Aber wer rennt der Polizei hinterher, wenn er keinen Ausweis hat. Und keine Unterkunft.“
Inzwischen hat sich Hartmut Gottlebes Leben geändert: Er ist runter von der Straße – lebt zurzeit in einem Wohnprojekt der Heilsarmee in Kassel. Eigentlich würde er gerne eine eigene Wohnung beziehen – doch das ist nicht das einzige, das in Deutschland ohne Personalausweis praktisch unmöglich ist.
Carl Lund, Hartmuts Betreuer von der Heilsarmee: „Erstmal stellt das für ihn ja ganz alltagspraktisch ein Problem dar. Weil er keinen Telefonanschluss beantragen kann. Er könnte noch nicht mal irgendwo ein Paket abholen. Er kann nicht an Wahlen teilnehmen. Er kann keine Sozialleistungen beantragen.“
Aber warum stellt ihm die Stadt Kassel nicht einfach einen neuen Personalausweis aus? Denn zumindest zwei wichtige Dokumente kann er den Behörden vorweisen: Seine Geburtsurkunde und seine Ankunftsbestätigung im Erstaufnahmelager für geflüchtete DDR-Bürger in Gießen. Doch das reicht dem Amtsschimmel nicht: Denn auf beiden Dokumenten befindet sich kein Lichtbild. Und da könnte ja jeder kommen…
Hartmut Gottlebe, ehemaliger Obdachloser: „Tja, das ist – wie soll man sagen – ein Schlag unter die Gürtellinie.“
Zunächst hatte der 68jährige seine Hoffnungen auf einen DNA-Test gesetzt. Doch niemand aus seiner Familie ist bereit, dabei mitzumachen. Als Republikflüchtling müsste es über ihn aber auch noch eine Stasi-Akte samt Portraitfotos geben. Doch auch an die kommt Harmut Gottlebe zurzeit nicht ran: Die Stasi-Unterlagen-Behörde verlangt dafür die Vorlage eines Personalausweises.







