Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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"Letzte Runde" heißt es in immer mehr Kneipen. In den vergangenen zehn Jahren haben über ein Drittel der Gaststätten schließen müssen, besonders im ländlichen Raum. Dabei ist die Eckkneipe im Ort für viele ein Stück Lebensqualität. Inzwischen hat es die Rettung der Dorfkneipen auch in einige Parteiprogramme zur rheinland-pfälzischen Landtagswahl geschafft – ein Politikwissenschaftler fordert gar ein Bundesprogramm für 10.000 neue Gaststätten zugunsten der Demokratie - denn Kneipen seien ein Ort der Diskussion und der Begegnung. Wir waren in einer echten Dorfkneipe im Taunus, in der Gemeinschaft zum Geschäftskonzept gehört.
 
Die Volkswirtschaft in Schlangenbad-Bärstadt. Hier hält eine Genossenschaft von 220 Mitgliedern die Dorfkneipe ehrenamtlich am Leben. Zuvor fehlten im Ort zunehmend die Treffpunkte.
Stefan Münzer, VolksWIRtschaft Lindenhof eG in Schlangenbad
„Wir wollten raus aus dem häuslichen Umfeld, wo jeder am Laptop, am PC, an seinem Handy sitzt und da noch entsprechend in seiner Meinung bestärkt wird. Das zu durchbrechen und wieder zum Austausch zu kommen, das ist das Ziel hier. Wir sind keine politische Einrichtung aber wir wirken politisch, ohne dass wir es wollen.“
Vera Dobrindt, Genossenschaftsmitglied
Gerade wenn man zum Beispiel Thekenteam hat und dann hier Leute am Tresen sitzen, mit denen hätte man sonst nix zu tun. Das ist dann auf jeden Fall so, dass sich das mischt und man dann natürlich auch über solche politische Themen redet.
Besser Stammtischgeschwätz statt Online-Echokammer sagt auch Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder. Aus seiner Sicht könnten Kneipen dem aktuellen Vertrauensverlust ins politische System entgegenwirken. Deshalb solle der Staat 10.000 neue Gaststätten fördern.
Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler Universität Kassel
„Dieser öffentliche Austausch ist einfach wichtig, um zu verstehen, wie leben andere, wie lebe ich. Das ist die Voraussetzung für Kompromiss und das ist der Kerninhalt von Demokratie. Insofern ist das 10.000-Kneipen-Programm kein Programm im Sinne der Brauereien sondern ein Programm für die Stärkung der Demokratie.“
Etwa 10.000 Kneipen mehr gab es laut DEHOGA bundesweit noch vor Corona. Auch in Hessen, so der Branchenverband, hätten immer mehr Dörfer überhaupt keine Gaststätte mehr.
In Rheinland-Pfalz plakatiert die SPD zum Landtagswahlkampf: „Dorfkneipen erhalten!“. Ähnliches findet sich im Wahlprogramm der CDU. Die Grünen wollen unter anderem zu diesem Zweck ein 130 Millionen Euro Demokratiepaket schnüren.
Auch in der Stadt zeigt sich wie wichtig der Tratsch am Tresen ist.
Matthias
„Also wir sind uns glaub ich nie einer Meinung. Aber da geht’s darum auch mal auszuhalten, dass der eine andere Meinung hat wie ich und dann geht’s darum zu sagen, Jo, machen wir! Ist deine Meinung, ist meine Meinung, wir müssen ja nicht zu einem Konsens kommen.“
Helga Naß, Mainzer Kult-Wirtin
„In der Gaststätte, da haben die Leute schon ihre Meinung und die vertreten sie auch hartnäckig, von der Politik zum Sport über alles eigentlich.“
Stefan Münzer, VolksWIRtschaft Lindenhof eG in Schlangenbad
Auch bei uns am Stammtisch gibt es wirklich Meinungen, die Randmeinungen sind. Aber dann sitzen auch Leute gegenüber, die sagen, guck mal was du eben gesagt hast, das wäre ja so und so. Da wird das alles eingefangen.
In Bärstadt hat die Volkswirtschaft dem Dorf neuen Schwung und Zusammenhalt gegeben. Einen ähnlichen Effekt verspricht sich der Wissenschaftler von mehr Gaststätten - gerade angesichts des großen Reformstaus im Land.
Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler Universität Kassel
„Die Wahrscheinlichkeit, dass durch die großen Investitionsprogramme 500 Stuttgart21 produziert werden ist sehr groß und ein solches Kulturförderprogramm ist vergleichsweise sehr billig und kann unmittelbare Wirkung erzeugen.“
Eine Wirkung, die bestenfalls über eine rein berauschende hinausgeht.